„You be the Judge“: Am OLG Celle entscheidet das Publikum über Schuld und Unschuld

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Was passiert, wenn das Publikum selbst über Schuld oder Unschuld entscheiden soll? Beim Format „You be the Judge“ des OLG Celle erleben Besucher:innen einen Strafprozess aus Richterperspektive – und ändern ihre Meinung dabei mitunter mehrfach. Die Präsidialreferentin in der Verwaltung des Oberlandesgerichts Celle, Paula Bröcker, erklärt im JURios-Interview, warum richterliche Überzeugungsbildung komplizierter ist als ein Bauchgefühl und was ein interaktiver Prozess über den Rechtsstaat vermitteln kann.

JURios: Mit „You be the Judge“ gibt das OLG Celle Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit, selbst über Schuld oder Unschuld abzustimmen. Was versprechen Sie sich von diesem Perspektivwechsel?

Paula Bröcker

Paula Bröcker: Wir haben uns die Frage gestellt: Wie können wir Rechtsprechung nachvollziehbar machen? Unsere Veranstaltung findet im Rahmen der vom Niedersächsischen Justizministerium initiierten „Woche der Gerechtigkeit“ statt. Aus dem Bauch heraus können sicher viele sagen, was sie gerecht oder ungerecht finden. Aber niemand möchte aufgrund eines „Bauchgefühls“ verurteilt werden. Zu Recht. Deshalb einigen wir uns in einem Rechtsstaat darauf, in gerichtlichen Verfahren nach vorher festgelegten Regeln zu entscheiden. Als Richterinnen und Richter treffen wir damit Entscheidungen, die in das Leben vieler Menschen eingreifen und dadurch mit einer großen Verantwortung einhergehen. Mit unserer Veranstaltung wollen wir aufzeigen, wie komplex die Entscheidung über „Schuld oder Unschuld“ sein kann.

JURios: Der Fall dreht sich um eine mutmaßlich gefährliche Körperverletzung im Zusammenhang mit einem Bizeps-Schönheitseingriff bei einem Sportler. Nach welchen Kriterien haben Sie diesen Sachverhalt ausgewählt?

Paula Bröcker: Der Fall ist grob einer echten Entscheidung des Bundesgerichtshofs nachgebildet. Darin ging es um den Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge. Wir haben den Fall also leicht abgeändert. Nach und nach ergeben sich im Laufe der Beweisaufnahme ganz unterschiedliche Eindrücke – je nachdem welche und wie viele Zeugen schon vernommen wurden. Schließlich erstattet noch ein Sachverständiger sein Gutachten und trägt damit zur Aufklärung des Falls bei. Erst am Ende ist das Bild vollständig. Dadurch wird verständlich, was die Strafprozessordnung damit meint, dass das „Ergebnis der Beweisaufnahme“ die Grundlage eines Urteils ist.

JURios: Wie nah orientiert sich die Verhandlung an einem echten Strafprozess? Wo mussten Sie aus didaktischen oder organisatorischen Gründen Abstriche machen?

Paula Bröcker: Die Verhandlung orientiert sich nah an einem echten Strafprozess. Das gilt vor allem für die Darstellung. In formeller Hinsicht haben wir zur zeitlichen Straffung an manchen Stellen gekürzt. Aber uns ist wichtig, den Besucherinnen und Besuchern einen realistischen Einblick zu geben, denn nur so funktioniert der Perspektivwechsel. Weil viele wahrscheinlich noch nicht viel Berührung mit der Justiz hatten, wollen wir darüber hinaus auch Hintergründe erklären. Daher haben wir uns für eine Moderation entschieden, die durch die einzelnen Abstimmungen führt. Im Anschluss haben die Besucherinnen und Besucher dann noch die Möglichkeit, Fragen an die Beteiligten zu stellen.

JURios: Die Besucher:innen treffen bereits während der Beweisaufnahme immer wieder Entscheidungen. Welche Erkenntnisse soll dieses interaktive Element über richterliche Überzeugungsbildung vermitteln?

Paula Bröcker: Dass die richterliche Überzeugungsbildung nicht so einfach ist, wie man vermuten könnte. Richterinnen und Richter bewerten nicht jede Aussage und jedes Beweismittel für sich. Sie entscheiden auf der Grundlage einer Gesamtwürdigung. Ein Beispiel: Die Angaben des Angeklagten können für sich genommen überzeugend sein. Hört man dann die Aussage des mutmaßlichen Opfers, bewertet die Richterin oder der Richter die Angaben noch einmal unter Berücksichtigung dieser Aussage. Die Besucherinnen und Besucher sollen diesen Entscheidungsprozess erfahren, indem sie selbst daran teilnehmen und ihre Eindrücke immer wieder hinterfragen. Wir wollen Verständnis füreinander schaffen.

JURios: Kam das Publikum zu anderen Ergebnissen als die „echten“ Richterinnen und Richter?

Paula Bröcker: Am Ende stimmte die Mehrheit des Publikums für eine Verurteilung. Das war auch meine Entscheidung. Spannend war aber während der Verhandlung, dass das Publikum seine Meinung immer wieder geändert hat. Das war genau das, was wir bei der Ausarbeitung des Falls im Sinn hatten.

JURios: Besteht die Gefahr, dass ein interaktives Veranstaltungsformat die Komplexität strafrechtlicher Entscheidungsfindung eher vereinfacht als vermittelt? Wie sind Sie diesem Spannungsfeld begegnet?

Paula Bröcker: Darüber haben wir uns im Team lange Gedanken gemacht. Wir brauchten einen Mittelweg zwischen einem zugänglichen Format und der Komplexität eines rechtsstaatlichen Verfahrens. Zugänglich machen wir das Format durch Ja-Nein-Fragen. Die Besucherinnen und Besucher müssen aber mehrmals abstimmen, während der Sachverhalt immer komplexer wird. Die Zeitpunkte für die Abstimmung haben wir gezielt ausgewählt. Die Besucherinnen und Besucher müssen sich jedes Mal fragen, was sich jetzt geändert hat. Welche neuen Erkenntnisse haben sie? Stellen diese Erkenntnisse die vorherige Bewertung infrage?

JURios: Gerade spektakuläre Strafverfahren werden heute häufig in sozialen Medien vorschnell bewertet. Soll „You be the Judge“ auch einen Gegenpol dazu schaffen?

Paula Bröcker: Rechtsprechung im demokratischen Rechtsstaat muss sich der öffentlichen Kritik stellen. Wir sind überzeugt, dass es grundsätzlich gut ist, wenn Entscheidungen auch auf Social Media oder in den Medien dargestellt und diskutiert werden. Mit „You be the Judge“ wollen wir dieses Angebot also ergänzen. Anstatt das Ergebnis vorwegzunehmen, vermitteln wir, wie Richterinnen und Richter zu ihrer Entscheidung kommen: Wir zeigen, warum sie ihre Überzeugung von Schuld oder Unschuld nur aus der Hauptverhandlung gewinnen dürfen. Wir zeigen, warum sie sich einen unmittelbaren persönlichen Eindruck verschaffen müssen. Und wir zeigen, wie komplex die Entscheidung über „Schuld oder Unschuld“ sein kann.

JURios: Welches Feedback haben Sie von den Besucher:innen der Veranstaltung erhalten? Was war für Sie dabei überraschend?

Paula Bröcker: Wir haben positive Rückmeldungen von den Besucherinnen und Besuchern bekommen – und sie haben engagiert nachgefragt. Wir haben dieses Format das erste Mal angeboten. Deshalb hat es uns besonders gefreut, wie interessiert die Besucherinnen und Besucher das interaktive Format angenommen und meine Entscheidung als Richterin in diesem nachgestellten Fall im Anschluss diskutiert haben.

JURios: Vor Beginn der Verhandlung können sich Interessierte über juristische Berufe informieren. Ist dies auch ein Instrument der Nachwuchsgewinnung für die Justiz?

Paula Bröcker: Ohne eine starke und unabhängige Justiz gibt es keinen Rechtsstaat. Es gibt viele Menschen in der Justiz, die sich tagtäglich für den Rechtsstaat einsetzen, aber nicht so sichtbar in der Öffentlichkeit sind. Auch ihre Arbeit wollen wir zeigen – und selbstverständlich auch für unsere Arbeit werben.

JURios: Könnte das Format künftig auch zivil- oder verwaltungsrechtliche Verfahren aufgreifen, oder eignet sich das Strafrecht aufgrund seiner besonderen Anschaulichkeit besser für ein Publikumsevent?

Paula Bröcker: Der öffentliche Fokus liegt häufig auf dem Strafrecht. Aber auch zum Beispiel im Zivilrecht gibt es spannende Entscheidungen, die viele Menschen betreffen: Wer haftet für einen Hundebiss, wie können sich die Nachbarn einigen, wenn die Hecke über den Zaun wächst und kriege ich Schadensersatz, wenn mein Flug Verspätung hat? Wir sind sicher: Material für unser Format haben wir reichlich.

JURios: Vielen Dank für Ihre Antworten!

Zur Person: Paula Bröcker arbeitet als Präsidialreferentin in der Verwaltung des Oberlandesgerichts Celle. Am Amtsgericht Hannover hat sie zuvor als Proberichterin Strafsachen bearbeitet. Bei „You be the Judge“ hat sie nicht nur den Vorsitz der interaktiven Strafverhandlung übernommen, sondern auch an der Konzeption der Veranstaltung maßgeblich mitgewirkt.

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Redaktion
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JURios. Kuriose Rechtsnachrichten. Kontakt: redaktion@jurios.de

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