Der Strafprozess gegen die US-Amerikanerin Lindsay Clancy wegen der Tötung ihrer drei Kinder ist nach fast sechs Wochen Verhandlung ohne Urteil zu Ende gegangen. Am 4. September 2026 erklärte der Plymouth Superior Court ein mistrial, nachdem die zwölf Geschworenen auch nach mehr als 38 Stunden Beratung an sieben Beratungstagen keine einstimmige Entscheidung erzielt hatten. Clancy war wegen drei Fällen von Mord und drei Fällen von Strangulation angeklagt. Im Mittelpunkt des Verfahrens stand allerdings von Beginn an weniger die Frage, ob sie ihre Kinder getötet hatte, als vielmehr ihre strafrechtliche Verantwortlichkeit zum Zeitpunkt der Taten.
Die Verteidigung hatte eingeräumt, dass Clancy für den Tod ihrer Kinder verantwortlich war. Sie plädierte jedoch auf nicht schuldig wegen fehlender criminal responsibility. Nach ihrer Darstellung litt Clancy am 24. Januar 2023 unter einer schweren psychotischen Erkrankung im Zusammenhang mit der Geburt ihres jüngsten Kindes und war deshalb nicht in der Lage, das Unrecht ihrer Handlungen zu erkennen oder ihr Verhalten entsprechend dem Gesetz zu steuern. Die Staatsanwaltschaft vertrat demgegenüber die Auffassung, Clancy habe die Tötungen geplant und gewusst, dass sie rechtswidrig waren.
Die Taten in Duxbury
Lindsay Clancy lebte mit ihrem Ehemann Patrick und den drei gemeinsamen Kindern in Duxbury, Massachusetts. Cora war fünf Jahre alt, Dawson drei Jahre und Callan acht Monate. Am Abend des 24. Januar 2023 ging gegen 18.11 Uhr ein Notruf bei der Polizei ein. Gemeldet wurde eine Frau, die aus einem Fenster eines Hauses in der Summer Street gesprungen war. Die Polizei ging von einem Suizidversuch aus. Die Einsatzkräfte fanden Clancy schwer verletzt vor. Im Keller des Hauses wurden die drei Kinder mit schweren Verletzungen aufgefunden. Cora und Dawson wurden in ein Krankenhaus gebracht und dort für tot erklärt. Callan wurde in das Boston Children’s Hospital geflogen; auch er starb wenige Tage später. Die Ermittlungen ergaben nach Angaben der Staatsanwaltschaft, dass die Kinder stranguliert worden waren.
Clancy selbst hatte nach den späteren Feststellungen und der Beweisaufnahme einen Suizidversuch unternommen, indem sie aus einem Fenster im zweiten Stock sprang. Sie überlebte den Sturz schwer verletzt und ist seither auf einen Rollstuhl angewiesen. Die Anklage ging davon aus, dass sie ihre Kinder unmittelbar vor dem Suizidversuch getötet hatte.
Am 25. Januar 2023 erhob die Staatsanwaltschaft zunächst Strafbeschwerden wegen der Tötung von Cora und Dawson. Die damaligen Vorwürfe umfassten unter anderem Mord, Strangulation und assault and battery with a dangerous weapon. Zu diesem Zeitpunkt war Callan noch am Leben. Nach Callans Tod setzte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen fort. Eine Grand Jury des Plymouth County erhob am 15. September 2023 Anklage gegen Clancy wegen jeweils dreifachen Mordes und dreifacher Strangulation.
War Clancy bei der Tat „clearly psychotic“?
Am 26. Oktober 2023 wurde Clancy im Tewksbury State Hospital formell angeklagt. Sie bekannte sich in allen sechs Punkten nicht schuldig. Sie gab an, unter Wahnvorstellungen und akustischen Halluzinationen zu leiden. Sie habe Stimmen gehört, die ihr schließlich befohlen hätten, ihre Kinder zu töten und anschließend sich selbst das Leben zu nehmen. Ihr Verteidiger erklärte im Prozess, Clancy sei am Tattag „clearly psychotic“ gewesen. Nach seiner Einschätzung war sie zu diesem Zeitpunkt nicht schuldfähig. Die von der Staatsanwaltschaft präsentierten Sachverständigen kamen jedoch zu einer anderen Bewertung.
Die Beweisaufnahme befasste sich ausführlich mit Clancys psychischer Verfassung in den Monaten vor dem 24. Januar 2023. Clancy hatte nach der Geburt von Callan psychiatrische Hilfe gesucht und war unter anderem im McLean Hospital behandelt worden. Familienangehörige und weitere Zeug:innen schilderten im Prozess Veränderungen in Clancys Verhalten und psychischem Zustand. Auch ihr Mann Patrick Clancy sagte aus und beschrieb die psychischen Schwierigkeiten seiner damaligen Ehefrau. Außerdem gab er an, seine Ehefrau habe ihn aus dem Haus geschickt, bevor sie die Kinder tötete.
Die Staatsanwaltschaft stellte diese Beweismittel in einen anderen Zusammenhang. Sie argumentierte, Clancy habe die Tötungen bewusst vorbereitet. Unter anderem verwies sie auf Internetrecherchen, die vor den Taten auf dem Familiencomputer durchgeführt worden waren, sowie auf ihr Verhalten am Tattag. Nach Auffassung der Anklage sprachen diese Umstände dafür, dass Clancy wusste, was sie tat und dass ihr Verhalten rechtswidrig war.
Der juristische Maßstab: „criminal responsibility“
Nach dem Recht von Massachusetts ist die psychiatrische Diagnose allein nicht entscheidend für die strafrechtliche Verantwortlichkeit. Maßgeblich ist, welche Auswirkungen eine mögliche psychische Erkrankung oder ein psychischer Defekt auf die Fähigkeiten des oder der Angeklagten zum Tatzeitpunkt hatte.
Die im März 2026 überarbeiteten Model Jury Instructions on Homicide bestimmen, dass die Staatsanwaltschaft beweisen muss, dass der Angeklagte strafrechtlich verantwortlich war. Hat der oder die Angeklagte eine psychische Erkrankung oder einen psychischen Defekt geltend gemacht, muss der Staat über jeden vernünftigen Zweifel hinaus beweisen, dass diese Erkrankung nicht dazu führte, dass der oder die Angeklagte die wesentliche Fähigkeit verlor, die Kriminalität beziehungsweise das Unrecht seines Verhaltens zu erkennen oder sein Verhalten den gesetzlichen Anforderungen entsprechend zu steuern.
Dabei genügt nach den Jury Instructions nicht allein die Feststellung, dass eine Person abstrakt wusste, dass ihr Verhalten illegal war. Entscheidend ist vielmehr, ob die Person die rechtliche oder moralische Bedeutung ihres Handelns in einem hinreichend bedeutsamen Sinne verstehen konnte. Für die Jury bedeutete dies, dass sie nicht lediglich entscheiden musste, ob Clancy psychisch krank war. Sie musste vielmehr die konkrete rechtliche Frage beantworten, ob eine etwaige psychische Erkrankung ihre strafrechtlich relevanten Fähigkeiten zum Tatzeitpunkt in dem vom Gesetz vorausgesetzten Umfang beeinträchtigt hatte.
Im Verfahren standen der Jury damit mehrere mögliche Ergebnisse offen. Sie konnte Clancy wegen Mordes ersten Grades, Mordes zweiten Grades oder wegen Totschlags verurteilen, sie konnte sie freisprechen oder zu dem Ergebnis kommen, dass Clancy wegen fehlender strafrechtlicher Verantwortlichkeit nicht schuldig war.
Die Beratungen der Jury
Nach Abschluss der Beweisaufnahme und den Schlussvorträgen begann die zwölfköpfige Jury Ende August mit der Beratung. Sie bestand aus neun Frauen und drei Männern. Die Beratungen zogen sich über sieben Beratungstage und insgesamt mehr als 38 Stunden hin. Bereits während der Beratungen teilte die Jury dem Gericht mehrfach mit, dass sie nicht zu einer Einigung gelangte. Das gericht wies die Geschworenen daraufhin wiederholt an, ihre jeweiligen Positionen ernsthaft zu überprüfen und die Argumente der anderen Geschworenen zu berücksichtigen. Zugleich durften die Geschworenen nicht allein deshalb von ihrer Überzeugung abweichen, um einen einstimmigen Spruch zu ermöglichen.
Am sechsten Beratungstag kam es zu einer Auseinandersetzung über einen einzelnen Geschworenen. Nach einer Mitteilung der Jury sollte dieser Geschworene nach Darstellung seiner Kollegen die gerichtlichen Anweisungen zum Maßstab des vernünftigen Zweifels nicht befolgen. Das Gericht befragte die Geschworenen hierzu einzeln. Die Verteidigung beantragte anschließend, den betreffenden Geschworenen auszuwechseln. Der Antrag wurde abgelehnt. Die Verteidigung versuchte anschließend auch auf Ebene des Massachusetts Supreme Judicial Court, eine Änderung der Situation zu erreichen. Der Versuch blieb ohne Erfolg.
Das Ende des Prozesses: Mistrial
Am 4. September 2026 teilte die Jury dem Gericht erneut mit, dass sie kein einstimmiges Urteil erreichen könne. Nach insgesamt mehr als 38 Stunden Beratung erklärte Richter Sullivan daraufhin ein mistrial. Der Prozess endete damit ohne Schuldspruch und ohne Freispruch.
Nach dem Ende des Verfahrens äußerten sich mehrere Geschworene öffentlich zu den Beratungen. Nach deren Darstellung stand eine Mehrheit von elf Geschworenen einer Entscheidung zugunsten Clancys wegen fehlender strafrechtlicher Verantwortlichkeit gegenüber; ein einzelner Geschworener stimmte dem nicht zu. Die Geschworenen erklärten gegenüber Medien außerdem, dieser Geschworene habe selbst von vernünftigen Zweifeln gesprochen, sich aber gleichwohl nicht zu einem Freispruch wegen fehlender strafrechtlicher Verantwortlichkeit bereitgefunden. Diese Angaben stammen aus nachträglichen Aussagen einzelner Geschworener und stellen kein während der Beratung verkündetes offizielles Juryvotum dar.
Die Erklärung eines mistrial bedeutet nicht, dass die Anklage fallengelassen oder Clancy freigesprochen wurde. Es liegt vielmehr kein abschließender Schuldspruch vor, weil die Jury ihre Aufgabe nicht mit einem einstimmigen Verdikt beenden konnte. Die gegen Clancy erhobenen Anklagen bestehen damit grundsätzlich fort. Ein neuer Prozess ist möglich.
Die Staatsanwaltschaft des Plymouth County hat nach dem Ende des Prozesses noch keine Entscheidung darüber getroffen, ob sie ein neues Verfahren gegen Clancy anstreben wird. Clancy bleibt in staatlicher psychiatrischer Unterbringung. Eine weitere gerichtliche Anhörung ist für den 29. September 2026 angesetzt. Dort soll der weitere Verfahrensgang geklärt werden.
Fundstelle: https://courthousenews.com/


