Wer Jura studieren möchte, steht vor einer ungewöhnlich großen Auswahl. Mehr als 40 Universitäten in Deutschland bieten Rechtswissenschaft mit dem Ziel der Ersten juristischen Staatsprüfung an. Doch welche davon ist die richtige? Muss es Heidelberg, München oder Berlin sein? Oder ist eine kleinere Universität vielleicht sogar die bessere Wahl?
Die gute Nachricht für Studienanfänger lautet: Die Entscheidung für eine bestimmte Universität ist längst nicht so folgenreich, wie es auf den ersten Blick scheint. Anders als etwa in den USA gibt es in Deutschland kein System ausgeprägter juristischer „Elite-Unis“, deren Name allein später über die Karriere entscheidet. Entscheidend sind vor allem die Ergebnisse in den Staatsexamina und das persönliche Profil.
Das Uni-Logo ist kein Karriereticket
Wer aus den USA das dortige Hochschulsystem kennt, könnte vermuten, dass auch in Deutschland der Name der Universität eine Art Eintrittskarte für bestimmte Kanzleien oder Unternehmen ist. Das ist im deutschen Jurastudium weitgehend nicht der Fall. Das erste und zweite Staatsexamen spielen bei der Auswahl für viele juristische Berufe eine erheblich größere Rolle als die Frage, an welcher Universität jemand studiert hat.
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Ganz bedeutungslos ist der Name der Universität allerdings nicht. Wer an einem renommierten Lehrstuhl wissenschaftlich arbeitet, promoviert oder sich in einem bestimmten Rechtsgebiet sichtbar spezialisiert, kann daraus Vorteile ziehen. Gerade bei akademisch geprägten Kanzleien oder spezialisierten Rechtsgebieten können Kontakte zu bestimmten Professoren und Lehrstühlen eine Rolle spielen. Das ist aber etwas anderes als ein amerikanisches Eliteuniversitätsmodell.
Für Studienanfänger:innen bedeutet das: Man muss nicht an eine vermeintliche „Top-Uni“, um später eine gute Juristin oder ein guter Jurist zu werden. Viel wichtiger ist die Frage, an welchem Ort man über Jahre gut lernen und leben kann.
Nähe zur Heimat oder bewusst weit weg?
Ein naheliegendes Kriterium ist deshalb der Wohnort. Wer in der Nähe der Familie bleiben möchte, kann sich eine Universität suchen, die mit Bahn oder Auto gut erreichbar ist. Das kann gerade im anspruchsvollen Jurastudium ein Vorteil sein: Wer nicht ständig mit einem völlig neuen Umfeld kämpfen muss, kann seine Energie stärker auf das Studium konzentrieren. Für andere ist gerade das Gegenteil attraktiv. Der Studienbeginn ist für viele die Gelegenheit, die Heimatstadt zu verlassen, selbstständig zu werden und eine neue Region kennenzulernen. Wer aus einer Kleinstadt kommt, möchte vielleicht bewusst in eine Großstadt ziehen. Wer aus Berlin stammt, findet möglicherweise gerade eine kleinere Universitätsstadt interessant.
Auch die Lebenshaltungskosten können die Entscheidung bestimmen. München, Hamburg oder Frankfurt bieten ein großes kulturelles und berufliches Angebot, gehören aber zugleich zu den teuersten Studienorten Deutschlands. Wer dagegen in einer kleineren Universitätsstadt studiert, kann unter Umständen erheblich günstiger wohnen. Das ist gerade bei Jura nicht unwichtig. Wer neben dem Studium 20 Stunden pro Woche arbeiten muss, um eine hohe Miete zu finanzieren, hat weniger Zeit für Klausuren, Hausarbeiten und Examensvorbereitung. Ein günstiger Wohnort kann deshalb indirekt sogar ein Vorteil für den Studienerfolg sein.
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Umgekehrt kann eine Großstadt zusätzliche Möglichkeiten bieten: Gerichte, Kanzleien, Unternehmen, Verbände und Behörden sind leichter erreichbar. Praktika während der Semesterferien lassen sich möglicherweise einfacher organisieren. Auch das soziale Leben kann für die Studienzufriedenheit entscheidend sein.
Eine solche Entscheidung sollte nicht als Nebensache betrachtet werden. Jura ist kein kurzes Studium. Die Regelstudienzeit bis zur Ersten juristischen Prüfung beträgt in der Regel zehn Semester, tatsächlich verbringen viele Studierende deutlich länger an der Universität. Wer fünf oder sechs Jahre an einem Ort lebt, sollte sich dort auch außerhalb der Bibliothek wohlfühlen.
Was sagen Rankings wirklich aus?
Ein weiteres Kriterium kann der Ruf einer Fakultät sein. Hochschulrankings können dabei eine Orientierung bieten, sollten aber nicht als objektive Tabelle der „besten Jura-Unis“ missverstanden werden.
Das Centrum für Hochschulentwicklung untersucht im aktuellen CHE-Ranking beispielsweise nicht nur abstrakte Leistungsdaten. Im Fach Jura werden unter anderem Studierende, Professor:innen und Fachbereiche befragt. Bewertet werden etwa Lehrangebot, Betreuung, Studienorganisation, Ausstattung und Examensvorbereitung. Das kann für die Studienwahl wesentlich aussagekräftiger sein als ein allgemeines Hochschulranking. Eine Universität, an der Studierende die Betreuung und Examensvorbereitung besonders positiv bewerten, kann für Studienanfänger:innen attraktiver sein als eine Hochschule mit größerem Namen.
Rankings sollten deshalb eher als Informationsquelle dienen: Was macht eine Fakultät gut? Wie zufrieden sind die Studierenden? Wie ist die Bibliothek ausgestattet? Wie funktioniert die Examensvorbereitung? Und wie groß sind die Veranstaltungen? Die Antworten sind oft wichtiger als die Frage, ob eine Universität auf Platz drei oder Platz sieben steht.
Der Schwerpunkt kann den Unterschied machen
Wer schon weiß, dass er sich beispielsweise für Strafrecht, Steuerrecht, internationales Recht, Medizinrecht oder Digitalisierung interessiert, sollte einen Blick auf die Schwerpunktbereiche der Fakultäten werfen. Denn hier unterscheiden sich die Universitäten deutlich. Die Universität Augsburg bietet beispielsweise unter anderem Schwerpunkte im internationalen Recht, Steuerrecht, Bank- und Kapitalmarktrecht, Klima- und Umweltrecht, Medizinrecht sowie im Recht des geistigen Eigentums an. Die Universität zu Köln hat wiederum ein besonders breites Angebot, das unter anderem Unternehmensrecht, Steuerrecht, Medien- und Kommunikationsrecht, Digitalisierung und Nachhaltigkeit umfasst.
Der Schwerpunkt ist Teil der Ersten juristischen Prüfung und macht 30 Prozent der Gesamtnote aus. Wer hier ein Fach findet, das den eigenen Interessen entspricht, sollte das bei der Universitätswahl durchaus berücksichtigen. Eine Vorstellung zahlreicher Schwerpunktbereiche findest du hier.
Ein integrierte Bachelor als Sicherheitsnetz
Ein immer wichtigeres Argument ist inzwischen der integrierte Bachelor of Laws. Traditionell ist das deutsche Jurastudium stark auf das Staatsexamen ausgerichtet. Wer jahrelang studiert, aber die staatliche Pflichtfachprüfung endgültig nicht besteht, steht grundsätzlich erstmal ohne akademischen Abschluss da.
Das hat sich in beinahe allen Bundesländern mit der Einführung des integrierten Bachelors geändert. Der integrierte Bachelor wird innerhalb des Staatsexamensstudiums erworben und honoriert bereits erbrachte Studienleistungen. Besteht man das erste Staatsexamen nicht, hat man immerhin einen LL.B. und kann beispielsweise einen LL.M. aufsatteln. Das einzige Bundesland, das sich dem integrierten Bachelor verweigert: Bayern. Für Studienanfänger:innen ist der Freistaat damit deutlich unattraktiver als andere Bundesländer.
Seltener ist hingegen ein integrierter Jura-Master. Die Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) führt zum Wintersemester 2026/27 einen integrierten Masterabschluss „Deutsches und Europäisches Recht“ ein. Er ergänzt dort den bereits bestehenden Bachelor und ist in das Jurastudium integriert. Damit können Studierende neben dem Staatsexamensweg weitere akademische Abschlüsse erwerben. Auch die Leuphana Universität Lüneburg bietet einen integrierten Master an.
Betreuung im ersten Semester
Gerade am Anfang des Jurastudiums kann die Größe einer Universität einen Unterschied machen. Wer zum ersten Mal mit BGB AT, Strafrecht AT und Staatsorganisationsrecht sowie den Grundrechten konfrontiert wird, muss sich nicht nur an eine neue Lernweise gewöhnen, sondern auch an eine eigene juristische Sprache. Deshalb lohnt sich die Frage, wie eine Fakultät ihre Erstsemester begleitet. Gibt es Einführungsveranstaltungen und Tutorien? Werden Übungen von erfahrenen Wissenschaftlichen Mitarbeitenden oder Professor:innen angeboten? Gibt es feste Ansprechpartner:innen bei organisatorischen Fragen?
Besonders an großen Fakultäten kann die Betreuung sehr unterschiedlich ausfallen. Eine hohe Zahl an Studierenden bedeutet zwar ein großes Lehrangebot, kann aber zugleich dazu führen, dass der einzelne Student weniger persönliche Unterstützung erhält. Kleinere Fakultäten haben hier möglicherweise einen Vorteil. Entscheidend ist deshalb weniger die bloße Zahl der Studierenden als die konkrete Organisation des Studienbeginns.
Klausurenkurse und universitäres Repetitorium
Eine weitere Frage betrifft die Examensvorbereitung. Wer Jura studiert, kommt an einer intensiven Vorbereitung auf die Erste juristische Staatsprüfung kaum vorbei. Viele Universitäten bieten deshalb Klausurenkurse an, in denen Studierende regelmäßig examensnahe Fälle bearbeiten und anschließend eine Korrektur erhalten. Das ist mehr als ein zusätzliches Angebot: Wer früh lernt, unter Examensbedingungen zu schreiben, kann seine Fortschritte besser einschätzen.
Auch beim universitären Repetitorium gibt es Unterschiede. Manche Fakultäten bieten eine umfangreiche und teilweise kostenlose Alternative zu privaten Repetitorien an. Für Studierende kann das finanziell erheblich sein. Ein gutes universitäres Examensprogramm kann deshalb ein handfestes Argument für eine bestimmte Universität sein – insbesondere dann, wenn es regelmäßig stattfindet, verschiedene Rechtsgebiete abdeckt und neben der Wissensvermittlung auch die Klausurtechnik trainiert.
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Moot Courts und Fremdsprachen
Wer nicht nur Vorlesungen besuchen und Klausuren schreiben möchte, sollte außerdem auf die zusätzlichen Ausbildungsangebote einer Fakultät schauen. Besonders interessant sind Moot Courts. Dabei übernehmen Studierende die Rollen von Anwält:innen und treten in simulierten Gerichtsverfahren gegeneinander an. Sie müssen Schriftsätze verfassen, Argumente entwickeln und ihre Position anschließend mündlich vertreten. Das kann nicht nur für angehende Anwälte interessant sein. Moot Courts trainieren Fähigkeiten, die im späteren Berufsleben eine wichtige Rolle spielen: präzises Schreiben, überzeugendes Argumentieren und freies Sprechen. Manche Universitäten nehmen regelmäßig an nationalen oder internationalen Wettbewerben teil und ermöglichen ihren Studierenden dadurch Kontakte zu anderen Fakultäten und zur Praxis.
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Auch das Fremdsprachenangebot kann bei der Auswahl eine Rolle spielen. Wer sich für internationales Wirtschaftsrecht, Europarecht oder eine Tätigkeit in einer internationalen Kanzlei interessiert, sollte prüfen, ob die Universität juristische Fremdsprachenkurse oder spezielle Programme für ausländisches Recht anbietet. Englisch ist dabei längst nicht die einzige Möglichkeit. Je nach Universität können auch Französisch, Spanisch oder andere Sprachen Teil des Ausbildungsangebots sein.
Auslandssemester und internationale Kontakte
Für manche Studierende gehört ein Auslandsaufenthalt inzwischen selbstverständlich zum Studium. Deshalb lohnt sich ein Blick darauf, mit welchen ausländischen Universitäten die eigene Fakultät zusammenarbeitet. Erasmus-Partnerschaften, internationale Austauschprogramme und Kooperationen mit außereuropäischen Hochschulen können den Zugang zu einem Auslandssemester erheblich erleichtern.
Dabei sollte man nicht nur auf die Zahl der Partneruniversitäten schauen. Entscheidend ist auch, ob die gewünschte Universität tatsächlich Plätze für Jurastudierende anbietet und ob die dort erbrachten Leistungen anerkannt werden können. Wer beispielsweise später im internationalen Wirtschaftsrecht arbeiten möchte, kann von einem Aufenthalt an einer ausländischen Partneruniversität besonders profitieren. Andere Studierende legen vielleicht weniger Wert auf internationale Erfahrungen und sollten diesem Kriterium deshalb auch nicht unnötig viel Gewicht geben.
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Die beste Jura-Uni ist die, die zum eigenen Leben passt
Am Ende gibt es deshalb keine objektiv beste Universität für alle Jurastudierenden. Wer unbedingt in einer internationalen Großstadt leben möchte, wird andere Prioritäten haben als jemand, der möglichst günstig und konzentriert studieren will. Wer sich für Medizinrecht begeistert, sollte anders auswählen als jemand mit einem starken Interesse an Steuerrecht oder Strafrecht. Die vermeintliche Angst vor der „falschen“ Universität ist deshalb unbegründet. Das deutsche Jurastudium ist gerade kein System, in dem das Logo auf dem Universitätszeugnis die berufliche Zukunft festlegt. Viel entscheidender ist, was Studierende aus ihrer Zeit an der Universität machen. Außerdem kann die Universität jederzeit gewechselt werden – beachte dabei nur, welche Studienleistungne dir anerkannt werden.
Wer an einem Ort studiert, an dem die Lebensbedingungen stimmen, ein interessantes Schwerpunktangebot findet, gute Examensvorbereitung vorfindet und genügend Zeit zum Lernen hat, hat bereits wichtige Voraussetzungen geschaffen. Die eigentliche Karriereentscheidung fällt dann nicht beim Ausfüllen des Zulassungsantrags, sondern später – in den Klausuren, im Referendariat, im Beruf und durch die eigene fachliche Entwicklung.


