Interview: Juristin ohne Schablone: Ella Gawrych über Karriere, Coaching und den Mut zum eigenen Weg

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Ella Gawrych arbeitet heute als Projektjuristin, Rechtsanwältin, Coachin und Yogalehrerin. Im Gespräch erzählt sie, warum der klassische Kanzleiweg für sie nie infrage kam, weshalb Jurist:innen oft zu spät lernen, auf sich selbst zu hören, und warum Sichtbarkeit – gerade für Frauen in der Branche – so wichtig ist. Ihr Berufsweg folgt keiner klassischen Linie, sondern dem, was sich für sie persönlich stimmig anfühlt. Juristerei, Coaching und Yoga sind für Ella Gawrych keine Gegensätze, sondern Bausteine eines Lebensentwurfs, der Raum für Entwicklung lässt – und genau darin seine Stärke findet.

JURios: Liebe Frau Gawrych, Sie sind heute unter anderem als Rechtsanwältin, Projektjuristin, Coach und Yogalehrerin tätig. Was kam bei Ihnen als Erstes, und wie hat sich Ihre Laufbahn entwickelt?

Ella Gawrych: Ich wollte nie eine klassische Rechtsanwältin werden. Den klassischen Kanzleiweg hatte ich eigentlich nie wirklich in Betracht gezogen. Ich war schon früh politisch aktiv, habe Wahlkämpfe geleitet und in einer Parteigeschäftsstelle gearbeitet. Ich habe sogar eine Doktorarbeit begonnen, gemerkt, dass mich das Thema psychisch auffrisst, und es irgendwann wieder beendet. Das war ein wichtiger Einschnitt. Danach stand ich erst einmal da und habe mich gefragt: Was mache ich jetzt eigentlich?

Dann kam eine Stellenausschreibung in der Verwaltung, beim Regionalverband Ruhr in der Regionalplanungsbehörde. Gleichzeitig habe ich das Projektgeschäft kennengelernt. Ich dachte: Das klingt eigentlich hervorragend. Und so bin ich in dieses Interim-Dasein hineingerutscht — ein bisschen wie die Jungfrau zum Kinde. Es war nicht geplant, aber es war genau richtig.

JURios: Wann war Ihnen klar, dass Sie dauerhaft nicht in klassische hierarchische Strukturen passen?

Ella Gawrych: Eigentlich ziemlich schnell. In meiner ersten Verwaltungsstation habe ich gemerkt, dass ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis mit hierarchischen Strukturen nicht zu mir passt. Ich bin ein sehr autarker und autonomer Mensch. Ich wusste: In solchen Strukturen werde ich nicht glücklich.

Das Interim-Modell hat mir dagegen unglaublich gefallen. In Projekten unterwegs zu sein und immer wieder Neues kennenzulernen, das war für mich spannend. Gleichzeitig war es auch riskant, weil man nie ganz sicher weiß, was als Nächstes kommt.

JURios: Wie ging es dann von der Projektjuristerei weiter zu Yoga und Coaching?

Ella Gawrych: Yoga war schon länger ein Thema für mich. Während eines Projekts in Trier habe ich dann sehr intensiv Yoga gemacht. Mein damaliger Yogalehrer wollte eine Yogalehrerausbildung anbieten und fragte, ob genügend Leute Interesse hätten. Und so bin ich – wie so oft in meinem Leben – eher zufällig dort hineingerutscht. Danach habe ich auch noch die Coaching-Ausbildung gemacht. Das kam nicht alles geplant und strategisch im klassischen Sinn, sondern eher Schritt für Schritt. Rückblickend hat sich daraus aber ein rundes Bild ergeben.

JURios: Was hat Ihnen diese Kombination aus Juristerei, Yoga und Coaching gegeben?

Ella Gawrych: Vor allem die Möglichkeit, verschiedene Bausteine miteinander zu verbinden. Ein regulärer Job oder eine klassische Kanzlei hätten mir das nie erlaubt. Ich hätte dort keine Yogaausbildung oder Coachingausbildung nebenher machen können. Durch das Projektgeschäft war das möglich.

Das war für mich wichtig, weil ich irgendwann gemerkt habe: Ich möchte mich nicht auf einen einzigen Teil von mir reduzieren. Heute sehe ich mich als eine Art Gesamtpaket. Ich fühle mich ganz. Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass mir etwas fehlt.

JURios: Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: Jetzt gehe ich wirklich meinen eigenen Weg?

Ella Gawrych: Ja, den gab es. Vor allem dann, als ich gemerkt habe, dass ich keine klassische Anwältin sein will und auch nicht dauerhaft angestellt sein möchte. Ich bin damals sehr viel durch die Welt gefahren, habe aus dem Koffer gelebt und gleichzeitig gearbeitet, ausgebildet und mich weiterentwickelt.

Irgendwann hatte ich das Gefühl: Jetzt fügt sich alles zusammen. Ich bin auf einem Weg, der wirklich zu mir passt. Und genau dieses Gefühl war wichtig.

JURios: Warum glauben Sie, gibt es so wenige sichtbare Juristinnen mit alternativen Karrierewegen?

Ella Gawrych: Ich glaube nicht, dass es sie nicht gibt. Ich glaube eher, dass sie nicht sichtbar genug sind. Frauen halten sich immer noch oft mehr zurück als Männer. Gerade in der Juristerei erleben viele immer noch sehr klassische, männerdominierte Strukturen.

Ich denke, viele Frauen wurden lange von solchen Strukturen geprägt und trauen sich deshalb nicht so leicht, eigene Wege sichtbar zu gehen. Dabei ist genau das wichtig. Wir brauchen mehr Frauen, die nach vorne gehen und sagen: Ich bin Juristin — und ich mache das auf meine Art.

JURios: Was würden Sie jungen Juristinnen mitgeben, die spüren, dass der klassische Weg nicht zu ihnen passt?

Ella Gawrych: Man muss nicht in ein vorgegebenes Bild passen. Man muss sich nicht auf einen einzigen Lebensentwurf festlegen, nur weil andere es so erwarten. Es ist völlig in Ordnung, verschiedene Wege auszuprobieren, bevor man seinen eigenen findet.

Wichtig ist, dass sich der Weg stimmig anfühlt. Man darf mutig sein. Und man darf sich auch erlauben, nicht sofort alles zu wissen.

JURios: Sie arbeiten auch mit Entspannung und achtsamkeitsbasierten Methoden. Womit kommen Ihre Coachees typischerweise zu Ihnen?

Ella Gawrych: Sehr oft mit Stress. Die meisten kommen in einer Situation, in der sie merken: Die Welt hat sich verändert, ich komme im Business nicht weiter, ich stehe unter Daueranspannung. Dann ist das vegetative Nervensystem oft permanent im Alarmzustand.

Deshalb beginne ich viele Sessions mit ganz einfachen Dingen: ankommen, atmen, die Füße auf den Boden bringen, Schultern lösen, erst einmal wieder im Körper ankommen. Manchmal reichen schon wenige Minuten, um wieder mehr Ruhe herzustellen.

JURios: Abschließend eine etwas weniger juristische Frage: Viele Menschen merken inzwischen, wie wichtig mentale Gesundheit und Entspannung geworden sind. Welche Methoden funktionieren aus Ihrer Erfahrung besonders gut?

Ella Gawrych: Atemübungen funktionieren sehr gut, vor allem auch in digitalen Settings. Progressive Muskelentspannung ist über Zoom nur bedingt geeignet, aber andere Formen gehen wunderbar. Ich arbeite viel mit individuellen Meditationen, Visualisierungen und angeleiteten Übungen, die ich speziell für Coaches aufnehme.

Das hilft oft sehr schnell, weil viele einfach unter großem Druck stehen und wieder in einen ruhigeren Zustand kommen müssen, bevor sie überhaupt klar denken können.

JURios: Frau Gawrych, vielen Dank für das spannende Interview!

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JURios. Kuriose Rechtsnachrichten. Kontakt: redaktion@jurios.de

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