Harvey, eine der bekanntesten Legal‑AI‑Plattformen, kooperiert ab dem Wintersemester 2026 im Rahmen des „Law School Program“ mit vier deutschen Hochschulen: der privaten Bucerius Law School sowie der Universität Leipzig, der Leibniz Universität Hannover und der privaten EBS Law School. Das Unternehmen stellt den Fakultäten seine KI‑Plattform zur Verfügung, bietet Trainings, Workshops und die Integration in Lehrveranstaltungen an. Was in der Pressemitteilung als „wichtiger Meilenstein“ beschrieben wird, ist vor allem eines: ein Wettbewerbsvorteil für die beteiligten Universitäten – und ein Problem für alle anderen.
Denn die Zahlen, die Harvey nennt, sind eindeutig: So fand der Wolters Kluwer Future Ready Lawyer Report 2026 heraus, dass bereits 92 Prozent der juristischen Fachkräfte mindestens ein KI-Tool im Arbeitsalltag nutzen. Und: Bereits heute nutzen 81 Prozent der Kanzleimitarbeitenden und 87 Prozent der Jurist:innen KI in ihrem Arbeitsalltag (Legal-Tech Umfrage 2025). Die juristische Praxis arbeitet längst mit KI‑gestützten Recherche‑ und Analysewerkzeugen. Wer Studierende darauf nicht vorbereitet, liefert Absolvent:innen ab, die im Berufsalltag erst mühsam aufholen müssen. Die vier Partnerhochschulen reagieren darauf – viele andere nicht.
An der Bucerius Law School betont Präsident Michael Grünberger, die Kooperation ermögliche neue Lehrformate, die praktische Erfahrung und kritische Reflexion verbinden. „Das Lernen aus Ansätzen zur KI-Ausbildung in verschiedenen Rechtssystemen verleiht unserer eigenen Reformagenda eine wertvolle globale Perspektive. Gleichzeitig geht diese Partnerschaft weit über den Zugang zu Technologie hinaus: Sie ermöglicht es uns, neue Lehrformate zu entwickeln, die praktische Erfahrung mit kritischer Reflexion und eigenständigem juristischem
Urteilsvermögen verbinden. Genau diese Art der Zusammenarbeit brauchen wir, um sicherzustellen, dass die juristische Ausbildung mit den tiefgreifenden Veränderungen in der Rechtspraxis Schritt hält.“
Jurastudierende müssen KI-Umgang lernrn
Die Leibniz Universität Hannover integriert Harvey sogar fest in ihr neues Micro Degree „KI und Rechtswissenschaften“. Studiendekan Felipe Temming sagt: „Die Studierenden müssen moderne juristische Arbeitsabläufe beherrschen.“ Man setze auf Harvey, um die Innovationsstrategie zu stärken und Lehrenden sowie Studierenden neue Werkzeuge an die Hand zu geben. Dekan Marc Desens betont darüber hinaus, man wolle „Fairness bei Prüfungen und Chancengleichheit gewährleisten“. Mit Harvey könne man alle Studierende unabhängig von ihrem persönlichen Hintergrund oder ihren finanziellen Verhältnissen unterstützen.“
Die EBS Law School wiederum verweist auf die Nähe zur Praxis. Prodekan Emanuel Towfigh sagt, man bereite Studierende „mit dem klassischen Grundlagenkanon, aber eben auch mit den modernen Werkzeugen“ auf den Arbeitsmarkt von morgen vor. Florian Skupin, Executive Director Legal Technology an der Bucerius Law School betont, dass es eine deutliche Lücke zwischen den Anforderungen des Rechtsmarktes und der Vorbereitung der Studierenden gebe. „Um diese Lücke zu schließen, reicht es nicht aus, lediglich Zugang zu
KI-Technologie zu gewähren.“
Auch die Praxis profitiert
Ava Moussavi, CDO bei Graf von Westphalen, betont die Bedeutung dieser Partnerschaft für Anwaltskanzleien: „Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit unseren Partnern, Harvey und der Bucerius Law School, die nächste Generation von Juristen auszubilden.“
Harvey selbst betont, dass mit der zunehmenden Verbreitung und Nutzung von KI auch der Bedarf an Jurist:innen mit ausgeprägten
KI-Kenntnissen in Kanzleien und Rechtsabteilungen steige. „Harvey will ein fester Bestandteil der Rechtsbranche in Deutschland sein. Wir wollen die Branche und ihre Talente dabei unterstützen, zu wachsen und ihr Potenzial für die Zukunft voll auszuschöpfen.“
Umgekehrt stellt sich eine unangenehme Frage: Was bedeutet diese Kooperation für die Universitäten, die nicht kooperieren? Wer Studierenden keinen Zugang zu modernen Recherche‑ und KI‑Werkzeugen bietet, riskiert, sie schlechter auf den Berufseinstieg vorzubereiten. Die vier Partnerhochschulen verschaffen ihren Studierenden einen strukturellen Vorteil – fachlich, digital und sozial. Andere Fakultäten müssen nachziehen, sonst geraten sie ins Hintertreffen.
Denn die juristische Ausbildung ist längst nicht mehr nur dogmatische Wissensvermittlung. Sie ist ein Wettbewerb um die besten Absolvent:innen, die besten Karrierechancen und die beste Vorbereitung auf eine Praxis, die sich schneller verändert, als viele juristischen Fakultäten reagieren. Hochschulen mit KI‑Tools und professionellen Recherchezugängen werden diejenigen abhängen, die solche Angebote nicht schaffen.
Zur Pressemitteilung: https://www.harvey.ai/


