Jurastudium mit Kindern? Na klar, was sonst?!

Vollzeit Jurastudentin, 30 Jahre alt und zweifache Mutter: Unter Studierenden an der Fakultät der Rechtswissenschaften an der Universität Hamburg eher eine Seltenheit. Als ich mich dazu entschlossen habe Jura zu studieren, war ich bereits Mutter eines Kleinkindes. Familie und Freund:innen standen meiner Entscheidung eher kritisch gegenüber. Doch ich bin der Meinung: Das Jurastudium ist mit Kindern vereinbar. Wie, erzähle ich Euch hier!

Wird sie die lange Studienzeit mit einem Kleinkind durchhalten? Wird sie bei dem enorm hohen und anspruchsvollen Lernumfang, der im Jurastudium zu bewältigen ist, noch ausreichend Zeit für das Kind haben? Muss sie sich unbedingt noch selbst verwirklichen, nachdem sie sich für ein Kind entschieden hat?

Tipps fürs Jurastudium

Die Mutterrolle dominiert

Bei all diesen Fragen macht es den Anschein, als wäre ich alleinerziehende Mutter gewesen. Ich allein wurde für das Wohlergehen des Kindes verantwortlich gemacht. Ich wurde mit der Geburt meines Kindes ausschließlich als Mutter, nicht mehr als Individuum mit eigenen Bedürfnissen und Zielen, wahrgenommen.

Und dies ist kein Einzelfall. Über meinen Instagram-Account @nedawho erreichen mich regelmäßig Sorgen von Studierenden mit Kindern. Sie alle sind von den gesellschaftlichen Erwartungen überfordert. Sie sollen liebevolle und geduldige Mütter, zuhörende und aufopfernde Partnerinnen, fleißige und stumme Hausfrauen, finanziell unabhängige und erfolgreiche Frauen sein. Nicht einmal Superheldinnen könnten diesen Erwartungen gerecht werden.

Wenn ich also gefragt werde, welchen Herausforderungen ich mich als Jurastudentin mit Kindern insbesondere stellen muss, ist es weniger die Bewältigung des hohen Lernpensums, es ist auch weniger ein effektives Zeitmanagement oder das Schreiben einer Hausarbeit. Die tatsächlich große Herausforderung für mich ist, sich diesen gesellschaftlichen Erwartungen zu entziehen, um nicht wegen Überforderung meine eigenen Ziele aufzugeben.

Gesellschaftliche Erwartungen als Herausforderung

Herausfordernd ist, zu akzeptieren, dass Frauen und Mütter nicht all diesen Erwartungen gerecht werden können und müssen. Dass ein leerer Kühlschrank vollkommen in Ordnung ist und die Zeit des Einkaufens stattdessen zum Studieren genutzt werden sollte. Herausfordernd ist, zu akzeptieren, dass ich mal wieder kein Teil der Lerngruppe sein kann, weil meine Kinder fiebern, sodass mich stetig das Gefühl begleitete, dass ich hinterherhänge. Herausfordernd ist, keinen Austausch mit anderen Jurastudierenden mit Kindern zu haben, um zu erfahren, dass meine Ängste und Unsicherheiten kein Einzelfall sind. Dass diese Gefühle nicht entstehen, weil ich nicht klug genug bin oder viel zu wenig lerne, sondern viele Jurastudierende mit Kindern dieselben Herausforderungen teilen.

So stellt sich mir die Frage, ob es ein strukturelles Problem sein könnte, weswegen das Jurastudium mit Kindern immer noch eine Seltenheit ist. Familienunfreundliche Universitäten privilegieren die Mehrheitsgruppe der Jurastudierenden – Studierende ohne Kinder mit finanzieller Unabhängigkeit. Bereitstehende Ressourcen werden politisch nicht genutzt, um diese Privilegien allen Jurastudierenden zu ermöglichen.

Bedenke ich all die Herausforderungen meiner bisherigen Studienzeit, stellen sich mir weitere Fragen. Warum ist in Hamburg das Jurastudium in Teilzeit für Studierende mit Kindern nicht möglich, ohne dass uns das BAföG entsagt wird? Derzeit ist das Jurastudium in Teilzeit denjenigen vorbehalten, die finanzielle Absicherung genießen dürfen. Warum wird einer Kindskrankschreibung in Klausurenphasen keine Bedeutung zugewiesen, woraus die Idee entstehen könnte, auch im Hauptstudium Klausurnachschreibtermine anzubieten?

Universitäten auf Studierende ohne Kinder ausgelegt

Warum finden viele Seminare im Schwerpunktsbereichstudium abends in Präsenz statt, ohne dass wenigstens die digitale Teilnahme ermöglicht wird? Warum gibt es nicht bereits im Grund- und Hauptstudium verlängerte Schreibzeiten für Hausarbeiten für alle Studierenden mit Kindern wie es auch im Schwerpunktsbereichstudium möglich ist? Warum sollen die Pflichtpraktika nach wie vor ausschließlich in der vorlesungsfreien Zeit absolviert werden, in denen auch Klausuren und Hausarbeiten abgelegt werden, aber auch Schulkinder in den Ferien und Kleinkinder in Kitaschließzeiten betreut werden müssen?

Schauen wir genauer hin, könnte der Anschein erweckt werden, dass ein Jurastudium insbesondere für alleinstehende finanziell privilegierte Studierende konzipiert ist.

Doch wie kann ich als zweifache Mutter nun all diese Herausforderungen im Jurastudieren meistern? Darauf kann ich gut und rasch antworten: Alle Herausforderung kann ich niemals gleichzeitig meistern. Es gibt Studienphasen, in denen ich sehr belastbar und langatmig bin. Es gibt auch Zeiten, in denen mir einfach die Energie fehlt. Dennoch gibt es einige Entscheidungen, die mir meinen Studienverlauf und die Vereinbarkeit des Studiums mit der Familie deutlich erleichtert haben.

Mögliche Lösungsansätze

Bis zum fünften Semester versuchte ich noch, mit Studierenden ohne Kinder mitzuhalten. Das hatte seinen Tribut gefordert. Überforderung, Erschöpfung und die Zweifel an meiner Entscheidung, Jura zu studieren, waren Alltag. Das war der Zeitpunkt, an dem ich beschloss, meine Art zu studieren neuzugestalten.

  1. Den Faktor Zeit ignorieren

Der erste Faktor, der mir enorm viel Druck und Angst machte, war die Zeit. Ich habe grundsätzlich zehn bis elf Semester, in denen ich einen Förderungsanpruch habe. Ich muss also die Regelstudienzeit einhalten, obgleich ich neben dem Studium zusätzlich die Kinderbetreuung übernehme. Gleichzeitig wollte ich mir die Möglichkeit eines Freischusses bewahren. Weil ich nicht „langsamer“ studieren wollte als meine Kommiliton:innen, entschied ich mich mal wieder dazu, lieber zwei Klausuren mehr als geplant zu schreiben. Doch nach fünf Semestern fragte ich mich, was mir der BAföG für zehn Semester nützt, wenn ich im siebten Semester wegen Burnout abbreche. Ich fragte mich, ob ich überhaupt vorhabe, meinen Freischuss wahrzunehmen oder, ob mir dann schlussendlich einfach für Energie dafür fehlen werde. Daher stellte ich mir die Frage, warum der Zeitplan anderer für meinen eigenen Zeitplan relevant sein sollte.

Ich kam zu dem Entschluss, dass der so stark beängstigende Faktor „Zeit“ für mich einfach zu entschlüsseln ist. Warum mache ich mir Sorgen über Eventualitäten, die in der Zukunft liegen und deren Verlauf ich noch gar nicht einschätzen kann? Ich entschied zunächst, dass der Faktor Zeit für meinen Studienverlauf nicht mehr maßgeblich sein sollte. Sollte vor Studienende mein Förderungsanspruch nicht verlängert werden, würde ich eine andere Finanzierungsmöglichkeit finden.

2. Meinen Partner in mein Studium integrieren

Darüber hinaus war es wichtig, mit meinem Partner meinen Lernalltag zu besprechen und zu organisieren. Mein Partner hat größtenteils einen 9-to-5-Job, also kam im Laufe der ersten Semester der Gedanke auf, dass auch ich 9-to-5 studieren könnte. Nun hat das wissenschaftliche Arbeiten den Charakter, dass sich Blockaden beim Arbeiten immer dann auftun, wenn man am Schreibtisch sitzen muss. Deswegen entschieden wir, noch ausführlicher die anstehenden to do´s für den betreffenden Zeitraum zu besprechen und planten noch konkreter die Wochen. So konnte ich auch abends oder falls nötig auch einen Teil der Wochenenden zum Lernen nutzen. Um sich einen guten und angenehmen Lernrhythmus anzueignen, ist es insbesondere zum Studienbeginn wichtig, sich Freiräume zum Lernen zu schaffen. Heute kann ich dadurch tatsächlich 9-to-5 studieren. Das Lernen am Abend oder an Wochenenden ist inzwischen die absolute Ausnahme.

3. Menschlicher und toleranter zu mir selbst sein

Und nun zu meiner wichtigsten Erkenntnis, die mir hilft, viele Herausforderungen zu meistern. Ich habe für mich verstanden, dass dieser Weg nicht nur mein Weg ist. Es ist der Weg meiner ganzen Familie. Für mich bedeutet das konkret, dass sich jedes einzelne Familienmitglied mit meiner Entscheidung wohl fühlen sollte. Dass niemand einen „Preis“ zahlen muss. Damit alle Familienmitglieder meine Studienzeit gut überstehen, ist es wichtig, dass ich mein Studium gut und gesund meistere. Um mein Studium gut meistern zu können, ist es für mich wichtig gewesen, zu verstehen, dass das Scheitern ebenfalls zum Studium gehört. Es war wichtig zu verstehen und anzunehmen, dass ich menschlicher, freundlicher und toleranter zu mir selbst sein musste, sodass das Durchfallen einer Klausur keine Blockade verursachte, sondern die Möglichkeit der Selbstreflektion schaffte.

Wenn sich also Mütter fragen, ob sie Jura studieren sollen, obwohl sie bereits eine Familie haben, kann die Antwort auf diese Frage individuell durchaus positiv ausfallen. Es lohnt sich, für seine eigenen Ziele und Bedürfnisse einzustehen, so absurd sie anderen vorkommen. Denn, um strukturelle Probleme zu beseitigen, braucht es mehr mutige und willensstarke Frauen, die voranschreiten, an sich glauben und die Herausforderungen eines Jurastudiums annehmen.

Ähnliche Artikel

Social Media

6,795FollowerFolgen
2,166FollowerFolgen
Download on the App Store
Jetzt bei Google Play

Letzte Artikel