Historische „Dichterjuristen“ – Wenn Juristen schriftstellerisch tätig sind

Als Dichterjuristen werden Dichter und Schriftsteller bezeichnet, die über eine juristische Ausbildung verfügen. Der Begriff wurde von dem Rechtshistoriker Eugen Wohlhaupter in den 1950er-Jahren etabliert und wird mittlerweile auch in der Literaturwissenschaft verwendet. Die Beschäftigung mit Dichterjuristen ist damit eine spezielle Ausprägung der aus den USA stammenden „Law and Literature“ Bewegung. In diesem Artikel sollen einige der bekanntesten Dichterjuristen (ja, historisch betrachtete sind es zumeist Männer) vorgestellt werden.

Hinter dem Begriff “Recht und Literatur” steht eine Forschungsrichtung, die interdisziplinär zwischen den Rechtswissenschaften und den Literaturwissenschaften angesiedelt ist. Dabei unterscheidet man zwischen der Kategorie „Recht in der Literatur“ und „Recht als Literatur“. Erstere Disziplin beschäftigt sich mit rechtlichen Motiven in der Literatur, beispielsweise der Darstellung von Rechtsfälle in Romanen. Letztere betrachten juristische Texte unter literarischen Gesichtspunkten, so zum Beispiel auch die Rechtslinguistik. Eine weitere Überschneidung zwischen Rechtswissenschaften und Literaturwissenschaften sind die Dichterjurist:innen, um die es in diesem Beitrag gehen soll. Es ist erstaunlich, wie viele Jurist:innen den Drang verspüren, auch schöne Literatur in Form von Romanen, Gedichten und Märchen zu verfassen.

E.T.A. Hoffmann

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann wurde 1776 als Sohn eines Hofgerichtsadvokaten in Königsberg geboren. Und damit war sein berufliches Schicksal quasi schon besiegelt. Der sechzehnjährige Hoffmann musste 1792 aus familiärer Tradition ein Studium der Rechte beginnen. 1795 legte er das Erste Juristische Staatsexamen ab. 1798 bestand Hoffmann sein Zweites Staatsexamen mit der Note „vorzüglich“. Und auch die damals noch notwendige Dritte Staatsprüfung bestand er 1800 mit Bravour. Doch der junge Jurist begeisterte sich viel mehr für die Musik als für die Juristerei. Mozart zu Ehren änderte er seinen dritten Namen sogar von „Wilhelm“ zu „Amadeus“. Die Juristerei sah er nur als Broterwerb.

Doch auch als Musiker zeichnete sich bald eine Wende ab. Denn Hoffmann hatte einige vielbedachte Musikkritiken geschrieben. Und mauserte sich so zum Schreiberling. Die Veröffentlichung der “Fantasiestücke in Callot’s Manier” (1814/1815) und das darin enthaltenen Märchen “Der goldne Topf” war ein Erfolg. Um sich ein festes Gehalt zu sichern, kehrte Hoffmann jedoch zur Juristerei zurück und wurde 1816 zum Kammergerichtsrat ernannt. Mit “Die Serapionsbrüder“, “Lebensansichten des Katers Murr” und “Klein Zaches genannt Zinnober” hielten Hoffmanns literarische Erfolge in den nächsten Jahren an.

In Berlin wurde Hoffmann Teil der „Immediat-Untersuchungskommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“, deren Aufgabe in der „Ausermittlung von Gefahren, die Preußen und Deutschland bedrohen“ lag. Den Fall des Studenten Gustav Asverus parodierte Hoffmann 1822 in seinem Werk Meister Floh. Und diese Verquickung von Recht und Literatur sollte schließlich sein Schicksal besiegeln. Denn der veräppelte Ministerialdirektor im Polizeiministerium, Karl Albert von Kamptz, erfuhr davon und ließ das Manuskript beschlagnahmen. Gegen Hoffmann wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Nachdem Hoffmann bereits seit 1818 an Gesundheitsproblemen litt, verschlimmerte sich seine Lähmung zunehmend. Seine eigene Verteidigungsschrift konnte er nur noch diktieren, da seine Hände bereits den Dienst versagten. Er verstarb im Juni 1822 an einer Atemlähmung.

Johann Wolfgang von Goethe

Johann Wolfgang von Goethe wurde 1749 in Frankfurt a.M. geboren. Sein Vater hatte zwar den Doktorgrad der Jurisprudenz erworben, übte aber keinen juristischen Beruf aus. Auf Weisung des Vaters begann Goethe 1765 ein Jurastudium in Leipzig. Goethe selbst interessierte sich jedoch viel mehr für die Poetikvorlesungen und vernachlässigte sein Jurastudium. 1768 erkrankte er schwer und kehrte ohne Abschluss in sein Elternhaus zurück. Er beschäftigte sich mit mystischen und alchemistischen Schriften, auf die er später in “Faust” zurückgreifen sollte. Unabhängig davon verfasste er in dieser Zeit sein erstes Lustspiel “Die Mitschuldigen”. Darin geht es um einen Mann, der nachts in einem Wirtshaus ins Zimmer eines reichen Gasts einbricht, mit dem Dietrich eine Schatulle öffnet und dieser einen größeren Geldbetrag entnimmt. Ein Diebstahl also!

Im zweiten Anlauf schafft Goethe sein Jurastudium und reicht 1771 seine Dissertation ein, die das Verhältnis zwischen Staat und Kirche zum Thema hatte. Auf Grund des Protestes der Kirche zog Goethe seine Dissertation zurück. Stattdessen erreichte Goethe einen niedrigeren juristischen Abschluss, für den er lediglich 56 Thesen in lateinischer Sprache unter dem Titel “Positiones Juris” ausfertigte. In der vorletzten These sprach er die Streitfrage an, ob eine Kindsmörderin der Todesstrafe zu unterwerfen sei. Das Thema griff er später in künstlerischer Form in der “Gretchentragödie” auf. Hintergrund ist ein Frankfurter Kindsmordprozess aus dem Jahr 1771 gegen eine Magd, die von einem durchreisenden Kaufmann schwanger geworden war und unmittelbar nach der Geburt das Kind getötet hatte. An dem Strafverfahren hatte Goethes Onkel als Schöffe mitgewirkt.

Noch im gleichen Jahr eröffnete Goethe eine Anwaltskanzlei. Ab 1775 hielt sich Goethe in Weimar auf und wurde 1776 Geheimer Legationsrat und Mitglied des Geheimen Consiliums, des dreiköpfigen Beratergremiums des Herzogs. Auf Antrag des Herzogs erhielt er 1782 vom Kaiser das Adelsdiplom. Goethe verstarb 1832 in Weimar und gilt als einer der bedeutendsten Schöpfer deutschsprachiger Dichtung.

Theodor Storm

Theodor Storm, geboren 1817 in Husum, gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des Poetischen Realismus. Als Sohn eines Justizrates studierte er ab 1837 Rechtswissenschaften in Kiel. Nach kurzer Tätigkeit in der Kanzlei seines Vaters machte sich Storm 1843 mit einer eigenen Kanzlei selbstständig. Als verheirateter Mann hatte Storm ab 1846 eine rauschende Affäre, die er in leidenschaftlichen Versen in dem Zyklus “Ein Buch der roten Rose” sammelte.

Ab 1856 war Storm als Kreisrichter tätig. In der Person des Amtsrichters in der Novelle „Unter dem Tannenbaum” (entstanden 1862) ist ein Selbstporträt erkennbar. Das seiner Wohnung gegenüberliegende „Gefangenenhaus“ in der Wilhelmstraße 68 machte er 1874 in seiner Novelle “Pole Poppenspäler” zum Schauplatz. In seinen Dichtungen ist oft das alte Rechts- und Verwaltungssystem seiner friesischen Heimat erkennbar. Es ist die Rede von Amtmännern, Deichgrafen, Geschworenen, Ratsmännern, Kammerherren, Bauernvögten, Scharfrichtern und Justizräten. Storm gilt heute als bedeutender Vertreter des Realismus.

Franz Kafka

Denkt man an die Darstellung von Gerichtsprozessen in der schönen Literatur, dann denkt man sofort auch an Kafkas „Der Prozess“. Franz Kafka wurde 1883 in Prag geboren. Er entstammte einer bürgerlichen jüdischen Kaufmannsfamilie. Ab 1901 studierte er Chemie, Rechtswissenschaften, Germanistik und Kunstgeschichte. 1903 legte Kafka die Staatsprüfung in Rechtsgeschichte ab. Bis 1906 bestand er die drei zum Studienabschluss notwendigen Rigorosa mit jeweils “genügend”. Nach eigenen Angaben langweilte ihn das Jurastudium. Trotzdem wurde Kafka 1906 zum Dr. jur. promoviert. Sein Doktorvater war der Nationalökonom Alfred Weber, ein Bruder Max Webers. Später arbeitete Kafka in einer Anwaltskanzlei in Prag. Von 1908 bis 1922 war er juristischer Sachbearbeiter bei der „Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen” in Prag. Laut Kafka ein reiner Brotberuf, der ihn langweilte und unterforderte.

Bereits während seiner Studienzeit begann Kafka mit dem Schreiben und führte auch später ein Doppelleben. Auf der einen Seite der brave und zuverlässige Jurist einer Versicherung, auf der anderen Seite seine schriftstellerische Tätigkeit, die später den Begriff „kafkaesk“ hervorbrachte. 1912 gelang es Kafka, die Erzählung “Das Urteil” in nur acht Stunden in einem Zuge zu Papier zu bringen. Darin geht es um einen Vater-Sohn-Konflikt, der vom Vater mit den Worten „Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens!“ beendet wird. In der Parabel „Vor dem Gesetz“ (1915) versucht ein Mann vom Lande vergeblich, in das „Gesetz“ zu gelangen, das von einem Türhüter bewacht wird. 1922 wurde Kafka krankheitshalber vorzeitig pensioniert und verstarb 1924 im Alter von nur 41 Jahren.

Dichterjurist:innen bis heute erfolgreich

Doch wer denkt, Dichterjurist:innen seien etwas rein historisches, irrt. Auch heute noch greifen Jurist:innen gerne zu Papier und Feder bzw. zum Laptop. So beispielsweise der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach, der gleichzeitig einer der erfolgreichsten lebenden Autoren Deutschlands ist. Oder der US-amerikanische Schriftsteller John Grisham, der mit dem Roman “Die Firma” und vielen weiteren Büchern große Erfolge feiert. Zu nennen ist außerdem die deutsche Juristin und Schriftstellerin Juli Zeh.


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Redaktion
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