„Die Ringe der Macht“: Galadriel und der Völkermord an den Orks

Die Amazon-Serie „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ ist gerad in aller Munde. Mit einem Budget von 464 Millionen US-Dollar ist das Serienspektakel die bisher teuerste Serie der Geschichte. Alleine Bruchteile der Rechte an Tolkiens-Werk kosteten Amazon 250 Millionen US-Dollar. Eingeschweißte Tolkien-Fans kritisieren die Serie für ihre Freiheiten bei der Darstellung der Geschichte von Mittelerde. Auf Kritik gestoßen ist außerdem die ungewöhnlich blutrünstige Darstellung der jungen Elbin Galadriel. Manche vergleichen ihr Vorgehen gegen die Orks gar mit einem Genozid. Was ist dran am Vorwurf des Völkermordes?

Das Zweite Zeitalter 3000 Jahre vor „Der Hobbit“

Trotzdem streamten mehr als 25 Millionen Menschen weltweit die Serie am ersten Veröffentlichungstag auf Prime Video. Die Handlung von “Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht” setzt über 3000 Jahre vor “Der Hobbit” und “Der Herr der Ringe” an. Die Serie spielt im Zweiten Zeitalter Mittelerdes. Es geht um den Untergangs Númenors, das Schmieden der Ringe und den Aufstieg Saurons. Zu den Hauptcharakteren gehört die Elbin Galadriel, die nicht glaubt, dass Sauron wirklich tot ist und sich auf die Suche nach ihm begibt. Ihre Motivation: Rache für den Tod ihres Bruders. Sie ist der Meinung: “Evil does not sleep; it waits.”

Auf Umwegen kommt Galadriel nach Númenor, wo sie Königin Regentin Míriel davon überzeugen kann, mit mehreren Schiffen und einer kleinen Armee Freiwilliger nach Mittelerde zu reisen. Und das gerade noch rechtzeitig. Denn: In den Südlanden hat der Elb Adar, der von Morgoth verdorben wurde, eine Gruppe treuer Orks um sich versammelt.

Ein Elb, der die Orks seine „Kinder“ nennt

Adar – das elbische Wort für „Vater“ – bezeichnet die Orks als seine „Kinder“, die er aus Saurons Sklaverei befreien konnte und denen er jeweils einen Namen gegeben hat. Gegenüber Galadriel betont Adar: “Each one has a name, a heart. We are creations of the One, Master of the Secret Fire, the same as you. As worthy of the breath of life and just as worthy of a home.”

Galadriel und Königin Regentin Míriel können zwar verhindern, dass Adar ein weiteres Dorf in den Südlanden komplett ausrottet. Doch sie kommen zu spät, um den von Adar und seinen Anhängern ausgelösten Vulkanausbruch zu stoppen, der die Südlande unter einer Lavamasse und einer Aschewolke begräbt. Zuvor konnte Galadriel Adar gefangen nehmen, der behauptet, Sauron getötet und die Orks aus dessen Sklaverei befreit zu haben. Die wutentbrannte Antwort Galadriels darauf, führte im Internet zu diversen Kontroversen. Ist das, was Galadriel vorhat, ein Genozid an den Orks? War die Elbin, die uns in „Herr der Ringe“ als weise, ausgeglichen und gütig vorgestellt wird, in ihrer Jugend eigenhändig an einem Völkermord beteiligt?

Ihre Antwort an Adar lässt viel Interpretationsspielraum zu: “Your kind was a mistake. Made in mockery. And even if it takes me all of this Age, I vow to eradicate every last one of you. But you shall be kept alive so that one day before I drive my dagger into your poisoned heart. I will whisper in your piked ear that all your offspring are dead, and the scourge of your kind ends with you.”

Völkermord im juristischen Sinne

Um den Begriff des Völkermordes juristisch besser greifen zu können, hilft ein Blick in das Völkerstrafgesetzbuch. § 6 VStGB sieht als Rechtsfolge für das Begehen eines Völkermordes eine lebenslange Freiheitsstrafe vor. Völkermord begeht, wer in der Absicht, eine nationale, rassische, religiöse oder ethnische Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören:

1. ein Mitglied der Gruppe tötet,
2. einem Mitglied der Gruppe schwere körperliche oder seelische Schäden, insbesondere der in § 226 des Strafgesetzbuches bezeichneten Art, zufügt,
3. die Gruppe unter Lebensbedingungen stellt, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen,
4. Maßregeln verhängt, die Geburten innerhalb der Gruppe verhindern sollen,
5. ein Kind der Gruppe gewaltsam in eine andere Gruppe überführt.

Die gleiche Definition ergibt sich auch aus Artikel II der “Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes”, die 1951 in Kraft trat und 1955 auch von Deutschland ratifiziert wurde.

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Orks als „Gruppe“ iSd Völkerstrafgesetzbuches

Wir müssen uns also zunächst fragen, ob es sich bei den Orks in Mittelerde um eine nationale, rassische, religiöse oder ethnische Gruppe handelt. Darunter ist grundsätzlich jede Personenmehrheit zu verstehen, die durch nationale, ethnische, rassische oder religiöse Merkmale verbunden ist und sich somit von der übrigen Bevölkerung abhebt. Politische, wirtschaftliche, kulturelle oder soziale Gruppierungen werden hingegen nicht vom Tatbestand erfasst (Antoni, in: JuS 2020, 19).

Eine nationale Gruppe ist eine Gemeinschaft von Personen, zwischen denen eine rechtliche Verbindung besteht gestützt auf derselben Staatsangehörigkeit, gepaart mit gegenseitigen Rechten und Pflichten. Die Orks als „nationale“ Gruppierung einzuordnen, fällt schwer, weil die Orks kein gemeinsames Staatsgebilde mit einer einheitlichen staatlichen Tradition (Geschichte, Sprache) aufweisen.

Als ethnische Gruppe gilt eine Gemeinschaft, deren Mitglieder eine Sprache oder Kultur teilen. Bei den Orks handelt es sich um eine ethnische Gruppierung, weil sie eine gemeinsame kulturelle Tradition und Lebensweise haben. So sprechen Orks z.B. verschiedene Stammessprachen und akzeptieren Häuptlinge an der Spitze ihrer gesellschaftlichen Hierarchie. Sie zeichnen sich durch eine brutale und eher primitive Kriegsführung aus, sind aber durchaus geschickte Handwerker und Waffenhersteller.

Die Orks entsprechen außerdem der Definition einer rassischen Gruppierung, weil sie über gemeinsame, vererbbare Merkmale wie Hautfarbe und Gestalt verfügen. So werden Orks generell als gebeugte, krummbeinige, hässliche Gestalten mit geschlitzten gelb-, grün- oder rotleuchtenden Augen und dunkler Haut beschrieben.

By: TurnerMohan (DeviantArt)

Sie haben Fangzähne und bekleideten sich mit schmutziger Kleidung aus Tierhäuten und Fellen. Zwar folgen die Orks jeweils einem Anführer (Sauron bzw. hier Adar) und es kommen zahlreiche “übernatürliche Artefakte” ins Spiel, man kann sie aber nicht als religiöse Gruppierung bezeichnen, weil es dafür an einer spirituellen Verbundenheit, die über bloßes Gehorsam hinausgeht, fehlt.

Vernichtung aller Orks in Mittelerde

Zu beachten ist, dass nur die Absicht zur Vernichtung der Gruppe erforderlich ist, nicht aber auch die vollständige Ausführung der Absicht. Dass Galadriel ernsthaft vorhat, alle Orks in Mittelerde zu vernichten, genügt also. Die in Nr. 1 bis 5 aufgeführten Handlungen des § 6 VStGB bzw. die Handlungen nach Artikel II Buchstaben a) bis e) der Konvention müssen hingegen tatsächlich (und willentlich) begangen werden. Indem Galadriel Orks gezielt jagt und alleine in Folge sechs der Serie eine ganze Horde Orks getötet hat, hat sie mindestens ein Mitglied der Gruppe getötet und damit § 6 Nr. 1 VStGB bzw. Art II a) der Konvention erfüllt. Sie hat den Orks außerdem „schweren körperlichen oder seelischen Schäden“ zugefügt. Unter anderem, indem sie die verbleibenden Orks in den Südlanden folterte, indem sie die Orks gezielt dem hellen Sonnenlicht aussetzte.

Adar unterstellt Galadriel deswegen, dass sie selbst keine der „Guten“ mehr ist, sondern ebenfalls zu den – von der Dunkelheit „verdorbenen“ – Elben gehört. Nimmt man Galadriels Äußerungen ernst und blendet eventuelle Rechtfertigungen ihres Verhaltens aus – z.B. im Hinblick darauf, was wir über Sauron in „Herr der Ringe“ gelernt haben -, ist man tatsächlich geneigt, Adar zuzustimmen, der sagt:

 “It would seem I’m not the only elf alive that’s been transformed by darkness […] Perhaps your search for Morgoth’s successor should have ended in your own mirror.”

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