Großbritannien: Opfer von Sexualdelikten zahlen Zehntausende Pfund für Gerichtsdokumente

In einem exklusiven Artikel für die britische Internetzeitung „The Independent“ geht deren „Korrespondentin für Frauen“, Maya Oppenheim dem Problem nach, dass Opfer von Sexualdelikten in Großbritannien oft sehr viel Geld ausgeben müssen, um an für sie relevante Gerichtsdokumente zu kommen.

Ausgangspunkt der Recherche waren die Vorwürfe mehrere Opfer, dass Polizeibeamt:innen, der Crown Prosecution Service sowie Anwält:innen ihnen geraten hätten, den Gerichtsverhandlungen gegen „ihre“ Täter nicht beizuwohnen. Das führt dazu, dass die Geschädigten oft ahnungslos zurückbleiben und keinerlei Details über die Taten oder die Motivation der Täter erfahren. Um emotional mit dem Verfahren abschließen zu können, sind die Betroffenen deswegen darauf angewiesen, die Gerichtsprotokolle zu „ihren“ Verfahren anzufordern – und dafür teures Geld zu bezahlen.

Claire Waxman, Londons Opferbeauftragte, erklärte gegenüber The Independent, dass die Geschädigten von Sexualdelikten oft zu Unrecht davor gewarnt werden würden, ihrem Verfahren nicht beizuwohnen. Man erzähle ihnen, dass ihre Anwesenheit vor Gericht sie als “verbittert” oder “rachsüchtig” erscheinen lässt und ihre Chancen auf eine gerichtliche Verurteilung des Täters verschlechtere.

Das Trauma überwinden

Für ihren Artikel interviewte Maya Oppenheimer auch David Challen. Er ist der Sohn von Sally Challen, die acht Jahre nach einem aufsehenerregenden Gerichtsverfahren aus dem Gefängnis entlassen wurde, nachdem sie ihren Mann nach jahrzehntelangem psychologischem Missbrauch getötet hatte. David Challen gab an, dass es ihm schwerfalle, dieses Trauma zu überwinden, weil er nicht erfahren könne, was vor Gericht geschehen sei. Für den Zugang zu den Gerichtsdokumenten hätten die Behörden 1.400 Pfund von ihm verlangt.

Manche Opfer wollen auch überhaupt nicht an den Prozessen teilnehmen – beispielsweise aus Angst vor dem Täter. Insbesondere ist es in Großbritannien auch nicht möglich, dass die Opfer von Straftaten per Videoschalte am Gerichtsverfahren teilnehmen können. Ihnen bleibt dann lediglich die Möglichkeit, sehr viel Geld für die Gerichtsprotokolle auszugeben und so zu erfahren, wie der Prozess verlaufen sei. Die Opferbeauftragte Claire Waxman berichtet beispielsweise von einem Vergewaltigungsfall. Nachdem der Täter freigesprochen worden war, hatte das mutmaßliche Opfer die Begründung hierfür erfahren wollen. Für die Einsicht in die Gerichtsdokumente verlangte das Gericht jedoch 35.000 britische Pfund. Eine Summe, die sich kein normaler Mensch leisten kann.

Waxmann argumentiert, dass die Opfer oft das Gefühl haben, ihr Trauma nicht überwinden zu können, wenn sie nicht richtig verstehen, was vor Gericht passiert ist, und warnte auch davor, dass die hohen Kosten für Abschriften das Leid der Betroffenen noch verschlimmert.

Kostenloser Zugang zu Gerichtsdokumenten gefordert

Waxmann fordert deswegen, dass die Opfer von Straftaten einen kostenlosen Zugang zu den Gerichtsprotokollen sowie den Urteilsbegründungen erhalten. Denn genauso wie in Deutschland werden auch in Großbritannien nicht einmal alle Gerichtsentscheidungen veröffentlicht. In Deutschland liegt die Zahl bei erschreckenden ein Prozent! In 99 Prozent aller Fälle ist es also auch hierzulande nicht möglich, das Urteil eines Falles einzusehen. In vielen weiteren Fällen ist die Entscheidung nur in einer kostenpflichtigen Datenbank wie z.B. beck-online hinterlegt. Die allgemeine Bevölkerung kann sich also kein realistisches Bild von der Rechtsprechung machen. Und Opfer von Straftaten erhalten lediglich dann Zugriff auf die Dokumente, wenn Anwält:innen diese – beispielsweise im Rahmen einer Nebenklage – anfordern.

Waxmann fordert außerdem, dass die Justizbehörden in Großbritannien über das Recht der Opfers auf Teilnahme an „ihrer“ Verhandlung geschult werden müssen und dass dieses Recht ausdrücklich in einem Opferkodex verankert werden sollte.

Auch David Challen wirft dem britischen Justizsystem vor, traumatisierend für die Opfer zu sein. „Ich werde nur als Nummer, als Name im System und als Kostenfaktor behandelt, und diese Kosten bin ich [dem System] einfach nicht wert“, schreibt er. Auch Waxmann bestätigt, dass Opfer von Straftaten durch das Gerichtsverfahren oft nochmals traumatisiert werden würden.

Sekundäre Viktimisierung

In der Kriminologie hat sich hierfür sogar ein Begriff entwickelt. Man spricht von primärer und sekundärer Viktimisierung. Primäre Viktimisierung meint dabei die eigentliche Opferwerdung, also die Verletzung einer Person durch die ursprüngliche Straftat. Unter sekundärer Viktimisierung versteht man eine erneute Belastung des Opfers durch die Reaktionen und Behandlungen Dritter. Also beispielsweise Polizei und Justiz. Wird einem Opfer nicht geglaubt, kann das sehr belastend sein. Gegen Polizeibeamt:innen und Richter:innen unsensibel mit den Betroffenen um, kann dies sogar eine posttraumatische Belastungsstörung bei ihnen hervorrufen.

Ellen Miller, kommissarische Geschäftsführerin von Refuge, einer der führenden Wohltätigkeitsorganisation im Bereich der häuslichen Gewalt, sagt: “Für die Überlebenden, deren Fälle es tatsächlich vor Gericht schaffen, kann das Verfahren zutiefst traumatisch sein.”

Auch sie ist der Meinung, dass der Heilungsprozess der Betroffenen durch die aktuellen Verfahrensweisen vor Gericht beeinträchtigt werden würden. “Wenn Überlebende exorbitante Gebühren für den Zugang zu den Gerichtsprotokollen zahlen müssen, werden sie unzugänglich und es wird ihnen die Gerechtigkeit verweigert, was den Heilungsprozess der Überlebenden weiter verzögern kann.“

In Deutschland befasst sich beispielsweise die Dissertation „Sekundäre Viktimisierung bei sexualisierter Gewalt. Strukturdynamiken und Präventionsansätze“ der Soziologin Corinna Metzner mit dem Problem. Vereine wie der Weise Ring versuchen, Opfer von Straftaten zu unterstützen. Die Datenbank OpenJur setzt sich für den kostenlosen Zugang zu Gerichtsentscheidungen ein. Doch der Weg hin zu einem fairen Umgang mit den Opfern von Straftaten ist noch lang.


Fundstelle: https://www.independent.co.uk/

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