JURios fragt – 15 Professor:innen antworten: Was können Jurastudierende Positives aus der Corona-Krise mitnehmen? (Teil 4)

Um Jurastudium und Referendariat ranken sich zahlreiche Mythen. Der am weitesten verbreitete Mythos ist dabei mit Sicherheit der, dass es die „perfekte Examensvorbereitung“ gibt. Wer jedoch schon einige Semester hinter sich hat, wird schnell merken, dass es DIE perfekte Lernmethode und DIE perfekte Examensvorbereitung leider nicht gibt. Am Ende müssen alle Studierenden ihren eigenen Weg finden. Und der kann in den Rechtswissenschaften ganz schön holprig sein.

In dieser vierteiligen Artikelserie wollen wir zumindest etwas Licht ins Dunkle bringen und Euch Tipps und Tricks für ein erfolgreiches Studium und ein gutes Staatsexamen an die Hand geben. Dazu hat JURios mit 15 Professor:innen und PD:innen verschiedener Fachbereiche und verschiedener Universitäten gesprochen.

In Teil eins der Serie ging es darum, was ein erfolgreiches Jurastudium und eine erfolgreiche Examensvorbereitung ausmacht. Danach haben wir uns in Teil zwei dem Problem von der anderen Seite genähert und fragten: Welche großen Fehler sollte man im Jurastudium und in der Examensvorbereitung unbedingt vermeiden? Im dritten Teil fragten wir die Juraprofessor:innen, ob sie Tipps und Tricks für ihren eigenen Fachbereich – also für Zivilrecht, Strafrecht und Öffentliches Recht – haben und inwiefern es hier Besonderheiten beim Lernen gibt.

Hier im vierten und letzten Teil greifen wir ein aktuelles Thema auf und möchten darstellen, was Studierende aus der Corona-Krise mitnehmen können. War wirklich alles schlecht oder kann man aus den digitalen-Semestern auch noch etwas Positives mitnehmen?

Was können Jurastudierende positives aus der Corona-Krise mitnehmen?

An den juristischen Fakultäten des Landes geht mittlerweile das dritte Corona-Semester zu Ende. Die Studierenden haben ihre Universität 2020 und auch 2021 kaum von innen gesehen. Veranstaltungen wurden entweder komplett verschoben oder fanden nur digital – beispielsweise über Zoom statt. Wer erst im letzten Jahr mit dem Jurastudium begonnen hat, hat vielleicht bisher noch überhaupt gar keine Universität von Innen gesehen, hat noch nie in einer Mensa gegessen und die Tage nicht beim Lernen in der Bibliothek verbracht. Ganz klar ist: Dieser persönliche Austausch vor Ort fehlt enorm!

Prof. Dr. Joachim Renzikowski, Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht und Rechtsphilosophie/Rechtstheorie an der Uni Halle. betont: „Das Schöne an der Uni ist doch das Miteinander! Das Dasein als Eremit ist nur öde.“

Die Frustration über die digitale Isolation, die den universitären Lehrbetrieb seit knapp eineinhalb Jahren lahmlegt, ist auf beiden Seiten deutlich zu spüren. Die Studierenden klagen, dass Sie sich von der Politik und den Universitäten im Stich gelassen fühlen. Während in anderen Bereichen fleißig Hygienekonzepte erarbeitet wurden, um ganze Branchen vor dem finanziellen Ruin zu bewahren, bekamen Studierende deutschlandweit kaum Unterstützung. Neben dem politischen Versagen fühlen sich die Studierenden aber auch von ihren Universitäten und den Professor:innen im Stich gelassen. Die Meisten klagen darüber, dass die digitalen Formate die bisherigen Lehrangebote nur unzureichend ersetzen. Doch auch auf der anderen Seite ist man mit der Gesamtsituation nicht zufrieden. Viele Professor:innen berichten, dass sie die Präsenzlehre und das Diskutieren mit ihren Studierenden schmerzlich vermissen. Eine echte Interaktion sei in den digitalen Ersatzveranstaltungen kaum bis gar nicht möglich – oft würde man als Lehrende:r einfach nur auf einen schwarzen Bildschirm starren, weil alle Kameras ausgeschalten seien. Außerdem seien viele Universitäten den digitalen Herausforderungen überhaupt nicht gewachsen gewesen.

Prof. Dr. Gregor Bachmann wünscht sich deswegen explizit auch mal ein Lob an die Professor:innen, die sich mit den digitalen Vorlesungen Mühe gegeben haben. Ihr findet den Professor für Bürgerliches Recht und Unternehmensrecht an der Humboldt-Universität zu Berlin. Auch wir möchten den Blick deswegen auf die positiven Errungenschaften der Corona-Semester wenden – Jammertiraden gab es in den letzten Monaten schon zu Genüge! Was können wir aus der Misere also mitnehmen, dass uns Jurastudierenden in Zukunft das Lernen erleichtern wird?

Die Digitalisierung schreitet voran – endlich!

Wenn Corona etwas Positives hervorgebracht hat, dann ist das der Digitalisierungsschub. In allen Bereichen des Lebens sind plötzlich digitale Lösungen möglich, von denen man früher nur träumen konnte. Beispielsweise im Bereich der Videotelefonie. Aber auch Behördengänge und Anträge an der Universität sind plötzlich ganz einfach online zu erledigen. Hurra! Willkommen im „Neuland“.

Dieses „Mehr“ an Digitalisierung freut auch Prof. Dr. Michael Stürner: “Wenn man aus Corona etwas mitnehmen sollte, dann einen Zuwachs an Selbstbewusstsein, weil man unter erschwerten Bedingungen studiert hat. Auch die Vertrautheit mit digitalen Tools aller Art halte ich für ein Plus. Wir haben uns während der Pandemie über vielerlei digitale Plattformen vernetzt, um überhaupt irgendeine Art der Kommunikation aufrecht zu erhalten – auch wenn ab dem kommenden Wintersemester wieder die persönliche Begegnung an der Uni im Vordergrund stehen wird, sollte das nicht zum einem „Rückfall in die vor-digitale Zeit“ führen”, schreibt und der Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Internationales Privat- und Verfahrensrecht und Rechtsvergleichung an der Universität Konstanz.

Dem stimmt auch Prof Dr.  Christian Alexander, Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Wirtschaftsrecht und Medienrecht, zu: „Das wird im Einzelnen wohl erst die Zukunft zeigen. Die Corona-Zeit hat sicher viele Studierende noch viel stärker vor die Herausforderung gestellt, die eigene Zeit für das Selbststudium sinnvoll zu strukturieren. Von diesen Erfahrungen kann man möglicherweise zukünftig profitieren. Außerdem haben Studierende (und Lehrende) neue Formen der digitalen Lehre kennenlernen können. Auch wenn manches – gerade am Anfang – „geholpert hat”, bleiben vielleicht einige nützliche digitale Tools erhalten.“

Zeitlich und örtlich flexibleres Lernen – Dank digitaler Inhalte!

Die meisten Jurastudierenden und Professor:innen wünschen sich eine Rückkehr in den Hörsaal. Doch ist das überhaupt noch zeitgemäß? Klar ist, dass Vorlesungen und Arbeitsgemeinschaften immer auch mit einer sozialen Komponente verbunden sind, die unersetzlich ist und sich digital nicht abbilden lässt. Klar ist aber auch: Reine Frontalvorlesungen vor 300 Studierenden, die morgens um acht beginnen, waren noch nie des Pudels Kern! Viele Studierende kommen aus dem Umland und müssen für zwei Stunden Vorlesung fast ebenso lang Pendeln. Ist das wirklich produktiv? Hinzu kommen diejenigen, die familiäre Verpflichtungen haben. Beispielsweise Kinder oder die Pflege der eigenen Eltern. Oftmals lassen sich die universitären „Stundenpläne“ mit derartigen Besonderheiten kaum in Einklang bringen.

In diesen Situationen können virtuelle Veranstaltungen pures Gold wert sein. Direkt aus dem Bett an der Vorlesung für „Schuldrecht BT“ teilnehmen, statt zwei Stunden im Zug zu sitzen? Prima! Die Aufzeichnung einer Vorlesung abends auf Youtube ansehen, wenn die lieben Kinderlein schon im Bett sind? Wunderbar! So sieht es auch Prof. Dr. Stefan Haack, Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht, insbesondere Staatsrecht an der Europa-Universität Viadrina, der während der Pandemie mit seinen Studierenden spontane Klausrbesprechungen online abgehalten hat. “Die elektronischen Formate können eine tolle, ergänzende Funktion haben. Beispielsweise bei spontanen online Klausurbesprechungen.”

Dank voranschreitender Digitalisierung und dem Ausbau der digitalen Inhalte ist ein noch nie dagewesenes Maß an Flexibilität erreicht. Sowohl zeitlich als auch örtlich! Derart positiv gestimmt ist auch Prof. Dr. Kilian Wegner: „Die Pandemie hat einerseits gezeigt, dass vieles auch ohne physische Präsenz geht, andererseits manche Dinge nur bei persönlicher Begegnung so richtig gut funktionieren. Die Universität (und alle anderen auch) hätten aus dieser Zeit gelernt, wenn sie auch zukünftig dort digital arbeitet, wo es geht, und so mehr Zeit und Kraft für die Dinge schafft, die im persönlichen Austausch vor Ort am besten zu erledigen sind.“

Neue und andersartige Lernmethoden ausprobieren!

Das Lernen im Jurastudium war bisher sehr traditionell geprägt. Das hieß, man brachte sich die meisten Inhalte aus Textbüchern im Selbststudium bei. Ergänzend dazu gab es Vorlesungen, die aber oft Massenveranstaltungen glichen. Auch wenn das Lernen und Diskutieren in Kleingruppen in den letzten Jahren an fast allen juristischen Fakultäten ausgebaut wurde, waren die Lernmethoden im Allgemeinen jedoch eher verstaubt und altbacken.

Prof. Dr. Gregor Bachmann hält es deswegen auch für völlig legitim „Vorlesungen, die nichts bringen zu schwänzen und sich lieber ein gutes Skript reinziehen bzw. einen guten Podcast.“ Sein Kollege aus Frankfurt (Oder), Prof. Dr. Stefan Haack, betont außerdem , es sei erfreulich, dass seine Studierenden in der Corona-Pandemie den “Umgang mit juristischen Datenbanken und online Ressourcen perfektioniert” hätten.

Dank Corona konnten die Jurastudierenden viele neue und auch andersartige Lernmethoden ausprobieren. Neben den bereits erwähnten Zoom-Vorlesungen erlebten Youtube-Videos und Podcasts eine noch nie dagewesene Beliebtheit. Was vor allem daran lag, dass vor Corona derartige Lerninhalte fast überhaupt nicht angeboten wurden. Jetzt sprießen sie wie Pilze aus dem fruchtbaren Waldboden! Und das ist gut so! Denn es gab schon immer verschiedene Lerntypen, diese wurden im Jurastudium jedoch nicht gleichermaßen berücksichtigt. So haben digitale Formate beispielsweise den großen Vorteil, dass man sie der eigenen Lerngeschwindigkeit anpassen kann. Kurz nicht aufgepasst? Kein Problem. Auf Spotify kann man einfach zurückspulen!

Selbststudium und Selbstreflexion meistern!

Seien wir mal ehrlich: Das Lernen der wichtigsten Definitionen kann uns auch die beste Vorlesung und die beste Lerngruppe der Welt nicht abnehmen. Am Ende des Tages wird es immer Wissenselemente geben, die wir uns ganz selbstständig aneignen müssen. Und auch das regelmäßige Wiederholen des examensrelevanten Stoffes kann uns niemand abnehmen. Da muss Jeder und Jede für sich selber durch. Während Corona hatten wir alle Zeit, uns zwei ganz elementare Dinge beizubringen. Einerseits das produktive Selbststudium, also das klassische Lernen im stillen Kämmerlein. Andererseits aber auch der Umgang mit uns selbst: Welcher Lerntyp bin ich? Wie kann ich mir Dinge am besten merken? Was hilft mir beim Entspannen und wie organisiere ich mein Studium?

Prof’in. Dr. Lena Rudkowski, Professorin für Bürgerliches Recht und Arbeitsrecht an der Universität Gießen, meint dazu: „Bei allen Belastungen, die die Krankheit und der Infektionsschutz mit sich gebracht haben – die eingeschränkten sozialen Kontakte haben viele gezwungen, allein zu lernen. Auch wenn es meist unbeliebt ist, hat das Vorteile, und man sollte es, auch wenn es irgendwann hoffentlich wieder normal weitergeht, weiter machen: Lerngruppen sind vor allem gut fürs Soziale, aber fachlich bringt doch immer noch am meisten, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Die Klausur schreibt man ja auch für sich allein.“

Prof. Dr. Gregor Bachmann gibt allen Nachteulen folgenden Tipp: „Den eigenen zeitlichen Rhythmus finden: Wenn Du nachts besser arbeiten kannst, tu es!“

Ein paar positive Worte zum Abschluss!

„Corona hat alle – Lehrende sowie Lernende – vor große Herausforderungen gestellt. Aus dieser Zeit kann man entnehmen, dass wir alles überstehen können, wenn wir zusammenstehen und Rücksicht aufeinander nehmen. Dies sollte uns beim Lernen Mut und Kraft geben. Zudem kann man sehen, dass „geht nicht, gibt’s nicht“ das richtige Motto ist. Durch den virtuellen/digitalen Lehrbetrieb kann man sich sehr gut auf die Eignung zum Selbstmotivierten Lernen testen. Wird man „faul“, dann sollte man überlegen, ob man den nötigen Biss für dieses Studium hat. Bleibt man auch in der Zeit am Ball, dann kann man auch die Examensvorbereitungszeit gut durchstehen.“ Das schreibt uns Prof. Dr. Martin Maties.

Der Professor für Bürgerliches Recht, Arbeits- und Sozialrecht sowie Methodenlehre an der Universität Augsburg ergänzt: „Corona hat uns aber auch gezeigt, dass es Wichtigeres gibt als nur den Erfolg (im Beruf oder sonst wo). Wir müssen alles in die richtige Relation setzen. Eine schlechte Klausur oder auch ein unbefriedigendes Examen sind am Ende nichts gegen die Lage, in denen Menschen sich befunden haben, die an Beatmungsgeräten gelegen haben oder sogar verstorben sind. Das Studium und Examen sind nur einzelne Bausteine im Leben – wichtige, aber nicht die einzigen glücklich machenden ­–. Wenn es also nicht so läuft, muss man sich sagen, dass dadurch die Welt nicht untergeht. Sollte man aber erneut die Chance bekommen (z.B. durch einen Verbesserungsversuch), dann sollte man erneut angreifen und sehen, dass man sich – wie auch von diesem verdammten Virus und den Epidemiewellen mit allen seinen Einschränkungen – nicht hat unterkriegen lassen und es erneut versuchen.“

Und auch Prof’in Dr. Schmitt-Leonardy, welche die Juniorprofessur für Strafrecht, Strafprozessrecht und interdisziplinäre Rechtsforschung an der Universität Bielefeld innehat, richtet sich mit ein paar aufmunternden Worten direkt an unsere Leser:innen: “Sie haben Erfahrung mit einer Version von sich selbst, die weniger soziale Kontakte und Ablenkungen hatte. Das bereitet nicht schlecht auf den Endspurt in der Examensphase vor, wenn einfach die Zeit fehlt bei den üblichen Gewohnheiten mit Freunden zu bleiben. Sie haben aber vielleicht auch an sich bemerkt, was Ihnen in diesen isolierteren Phasen gut tut – Sport, Meditation, neue (digitale) Rituale mit Familie und Freunden usw. All’ das können Sie nutzen – und vor allem das Wissen, dass Sie resilienter sind als Sie womöglich vermutet haben. Onward!”


Bei diesem Artikel handelt es sich um den letzten Teil unserer Artikelserie zum Lernen im Jurastudium. Teil 1 könnt ihr hier, Teil 2 hier und Teil 3 hier lesen. Vielen Dank an alle Professor:innen, die mitgemacht haben!

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